Der Storchenzug

Die Tage werden kürzer, der Herbst und die kalten Wintermonate rücken immer näher und die Störche zieht es in Richtung Süden.

Doch warum fliegen die Störche (oder auch anderer Vögel) in den Süden? Wohin fliegen sie bzw. welche Route nehmen sie? Wie lange brauchen sie dafür und wie viele Kilometer legen sie zurück? Welche Gefahren lauern auf sie?

In den folgenden Zeilen versuche ich euch diese Fragen zu beantworten:

 

Warum fliegen die Störche in Richtung Süden?

Viele Leute denken fälschlicherweise, dass die Störche in den Süden ziehen, weil es für sie bei uns zu kalt wird. Doch dies ist nicht der Grund. Im Gegenteil! Wenn die Störche in Richtung Süden fliegen, fliegen sie in so einer Flughöhe, dass es „dort oben“ sogar kälter ist als bei uns „hier unten“ im Winter!

Zwei wesentliche Gründe für ihren Zug sind der natürliche Zugtrieb, den jeder Storch von Geburt an besitzt und zum anderen das immer knapper werdende Nahrungsangebot während der Wintermonate.

 

 

Sammeln vor dem Abflug

Anfang August versammeln sich die ersten Störche. Überwiegend sind es Jungstörche! Ein beliebter Sammelpunkt in Rheinland-Pfalz sind die Queichwiesen bei Offenbach an der Queich (Landau), da diese zu dieser Zeit bewässert werden und somit ein wahres „Schlaraffenland“ für die Störche bieten. Es werden teilweise bis zu 260 Störche gezählt! Doch auf diesen Wiesen findet man nicht nur Störche aus Rheinland-Pfalz, sondern auch welche aus Bayern, Baden-Württemberg und Norddeutschland.

 

Der Abflug

An warmen und sonnigen Tagen nutzen die Störche die gute Thermik aus und steigen kreisförmig bis zu einer Flughöhe von 1000 bis 3000 Meter in den Himmel empor. Der Storch ist ein Gleitvogel d.h. er nutzt die Winde in dieser Höhe aus und kann mehrere Kilometer ohne einen Flügelschlag zurücklegen. Tagesetappen von bis zu 300 km sind dabei keine Seltenheit, der Rekord lag sogar bei 600 Km am Tag. Sie erreichen dabei eine durchschnittliche Fluggeschwindigkeit von etwa 50 km/h. Einige hatten es sogar mal ganz eilig und schafften eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 100 km/h.

Während des Zuges verbinden sich mehrere aufeinander treffende Schwärme zu einem großen Schwarm mit mehreren tausend Vögeln.

Interessant ist auch, dass sich die Jungstörche ca. 2-3 Wochen vor den Altstörchen auf den Weg machen, sie aber unterwegs von ihnen eingeholt werden!

 

Welche Zugrouten gibt es?

Es gibt zwei Zugrouten, die der europäische Weißstorch vorzugsweise nimmt.

Zum einen gibt es die so genannte „Westroute“, welche überwiegend unsere Störche aus Rheinland-Pfalz, sowie Störche aus Nord-, West- und Süddeutschland benutzen. Die Route führt von Deutschland aus über Frankreich, Spanien, Gibraltar bis nach Westafrika (Marokko, Mauretanien, Senegal, Mali, Niger-Delta, etc.). Dabei legen die Störche eine Strecke von bis zu 5.000 km (einfach) zurück!

Dann gibt es noch die so genannte „Ostroute“, welche überwiegend Störche aus Ost-Deutschland und Osteuropa benutzen. Sie fliegen über das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, den Bosporus (Türkei), Syrien, Israel, Ägypten und teilweise bis nach Südafrika. Dabei legen sie eine Strecke von bis zu 10.000 km (einfach) zurück!

Sie benötigen ca. 1-2 Monate für den Hin- bzw. Rückflug.

Natürlich fliegen die Störche nicht immer nur genau die hier angegebenen Routen, sondern es kann auch mal sein, dass ein oder mehrere Störche nur bis nach Spanien mitfliegen und dort bleiben oder dann plötzlich Kurs auf die Ostroute nehmen und sich dort anschließen. Des Weiteren kann es auch passieren, dass ein Storch jahrelang z.B. die Ostroute fliegt und dann plötzlich die Westroute nimmt oder dass er auf der Ostroute hinfliegt und auf der Westroute wieder zurück …

Wir ihr sehen könnt, sind in der Praxis Variationen durchaus möglich.

 

Woher wissen die Störche, welche Route sie nehmen müssen und wie orientieren sie sich?

Man nimmt an, dass die geografische Lage des Nestes, sowie die Thermik, die Winde und eventuell vorbeifliegende Störche einen Einfluss auf die Wahl der Zugroute haben. Jedoch ist dies, genauso wie die Frage nach der Orientierung, noch ein großes Geheimnis der Natur, hinter das die Forscher noch nicht blicken konnten. Man kann also momentan nur Vermutungen anstellen, jedoch noch keine sicheren Aussagen treffen.

 

Wie fand man die Zugrouten heraus?

Überwiegend alle Jungstörche in Deutschland werden beringt. Anhand von Ablesungen der Ringnummern im In- und Ausland und mit Störchen, die mit Peilsendern ausgestattet waren bzw. teilweise immer noch sind (Satelliten-Telemetrie), konnte man diese Routen herausfinden.

 

Welche Gefahren lauern auf die Störche?

Stromschlag (Elektrokution), Kollisionen, Gifte (vor allem in der Landwirtschaft), menschliche Bauwerke, Unwetter und Verdriftung, Verlust von Rastplätzen durch die intensive Landwirtschaft, Müll(deponien) und die Jagd (vor allem in Spanien, Italien und Afrika) sind gefahren, die auf die Störche lauern.

Nur ca. 7-10 % der Jungstörche überleben ihre ersten zwei/drei Lebensjahre bis zur Geschlechtsreife! Der Rest fällt den oben genannten Gefahren zum Opfer!

 

 

Problem: Müllkippen

Immer mehr Störche zieht es nicht mehr bis nach Afrika, sondern sie überwintern in der Nähe von Müllkippen oder sogar auf ihnen. Wir wissen von vier großen Müllkippen in den Regionen um Andalusien und Gibraltar (Spanien), auf denen mehrere tausend Störche überwintern. Sie finden dort reichlich an Nahrung, jedoch bekommen sie leider nicht immer nur organische, sondern auch viele anorganische Abfälle vor den Schnabel, welche tödlich enden können.

Eine weitere Müllkippe befindet sich im elsässischen Wintzenbach, nahe dem deutsch/französischen Grenzübergang bei Lauterbourg, auf der jeden Winter bis zu 100 Störche überwintern.

 

In Deutschland überwinternde Störche:

Es gibt Störche, die ihren natürlichen Zugtrieb verloren haben oder nicht zu 100 % flugfähig sind und dises verbringen die Wintermonate in Deutschland. Sie können ihren Zugtrieb verlieren, indem sie „zurückgehalten“ werden (z.B. durch die Gefangenschaft aufgrund einer Verletzung). Ein bekanntes Beispiel ist der Storch „Romeo“, welcher jedes Jahr im Rheinland-pfälzischen Bornheim (bei Landau) überwintert (http://pfalzstorch.blogspot.com/2010/12/uberwinterer.html).

Wann kommen die Störche wieder zurück?

Gegen Januar/Februar machen sich die Störche wieder zurück auf den Weg zu ihren Nestern, in denen sie im Jahr zuvor gebrütet haben. Gegen März/April kommen sie dort an und die Saison beginnt dann wieder.

 

Ich hoffe, ich konnte Euch einige Informationen über den „Storchenzug“ vermitteln. Falls ihr dennoch Fragen habt, dürft ihr diese gerne posten.

 

Viele Grüße

© Thomas Antrett